Autor Thema: „…von nun an ging’s bergab“  (Gelesen 546 mal)

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„…von nun an ging’s bergab“
« am: 06. Jun. 2019, 10:53:31 »

Gesichtslose Randgruppen: "Die weiße Botschaft" von Joy Lohmann.


Der folgende Text ist angelehnt an Erzählungen aus Erfahrungen von vielen Betroffenen, irgendwo auf dieser Welt.


„…von nun an ging’s bergab“ (leicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Titel eines Chansons von Hildegard Knef)


Wer lange genug arbeitslos war, fürchtet das Alleine sein nicht mehr

Ist der Job erst Mal weg, verändert sich auch das soziale Umfeld: mitunter rasant. Ursache und Wirkung. Ganz einfach. Du hast weniger Geld, bald, wenn es schlecht läuft, so-gar viel weniger und hinzu kommt ab jetzt: du lebst in einem Zustand negativem Prestiges: sozusagen. Wer braucht das.

Du glaubst, bei dir läuft das anders ab? Gerade deine Freunde sind echte Freunde, deine Bekannten sind gebildet und können differenzieren und sind garantiert dir gegenüber loyal, was da auch komme. Man mag sich ja, man versteht sich - und vor allem: du bist ja auch nicht die oder der gewöhnliche Arbeitslose. Du kannst was, hast was gelernt, hast immer gearbeitet, hast hohe moralische Werte und bist sympathisch. Ja, mag sein: Und trotzdem: Lass dir sagen, du irrst dich. Ziemlich sicher sogar.

Du wirst lästig

Wahrscheinlich gibt es nicht wenige deiner Bekannten, denen alleine schon die Tatsache, dass du arbeitslos geworden bist, reicht, um den Umgang mit dir zu meiden. Es ist ihnen einfach lästig. Viele werden dich, ohne mit der Wimper zu zucken, einfach „abschiessen“. Wir wollen hier gar nicht anfangen zu spekulieren, was für Leute das sind. Menschen sind wie sie sind. Jetzt musst du lernen, das so hinzunehmen. Hinnehmen ist nicht akzeptieren. Soweit bist du vielleicht noch nicht. Aber das kommt noch.

Selbst, wenn dir diese Menschen nicht wirklich nahestehen, wird sich deren Verdikt über dich bei dir niederschlagen. Psychisch. Ob du nun erstmal schockiert reagierst, wie oberflächlich viele deiner bisherigen Beziehungen gewesen sind, oder, weil du dich nicht für naiv hältst oder auch nicht bist, nimmst du das eher unaufgeregt zur Kenntnis. Bei den meisten Menschen, die in eine solche Situation kommen, kommt es wohl eher zur „Schockstarre“. Wie auch immer, es wird sich noch zeigen, aus welchem „Holz“ du geschnitzt bist. Das ist sicher, wenn auch sonst nichts sicher ist.

Das Tagebuch zur BG-Nummer*

Man bräuchte Mal jemanden, der das, was mit der „eigenen“ (haha) Welt passiert, dokumentiert. Chronologisch. Mit allem Schnuck: also mit allem, was dazu gehört. Besser noch von verschiedenen von der Arbeitswelt unzeitig ausgeschiedenen Personen. Jeder ist unterschiedlich weit auf der sozialen Leiter aufgestiegen. Entsprechend ist für jeden die „Fallhöhe“ individuell. Individuell ist hier ein ganz gutes Wort, denn die „Fallhöhe“ wird ja nicht nur materiell wahrgenommen („ich bin jetzt arm“), sondern von Mensch zu Mensch subjektiv („ich bin nichts mehr wert“) anders erlebt. 

Wenn du finanziell nicht abgesichert bist, sieht es da nämlich schon mau aus. Natürlich kann es sein, dass du noch rechtzeitig wieder einen Job findest. Es sei dir gewünscht. Sonst gibt es Arbeitslosengeld I – ein Jahr lang. Dann kommt Arbeitslosengeld II. Hartz IV. Du denkst in den ersten Monaten, Hartz IV, das ist noch weit weg. Ist es nicht. Ganz und gar nicht.



*BG-Nummer ist die Nummer, die dich beim Jobcenter identifiziert


Ende Teil 1.


Weiter geht es hier, wenn Mal wieder genug Leute einen schlechten Tag haben und neue Probleme auf den Tisch packen.





« Letzte Änderung: 06. Jun. 2019, 11:50:44 von Redakteur »

Heusinger

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Antw:„…von nun an ging’s bergab“
« Antwort #1 am: 06. Jun. 2019, 21:52:33 »
Das Schlimmste ist ja nicht das offene Abgelehnt-Werden mit einem gesellschaftlichen Makel wie Hartz 4; ich könnte jetzt auch sagen die Schublade Asperger etc. Sondern das Hintenrum-Schräg-Anschauen auf der einen, die Verschämtheit auf der anderen Seite. Dadurch hat derjenige nichts greifbar und darum auch die schlechtest denkbaren Karten, etwas geradezurücken. Es liegt etwas in der Luft und das baut sich nie ab, sondern allerhöchstens immer mehr auf.
OK, let's leave the cat town together!

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Antw:„…von nun an ging’s bergab“
« Antwort #2 am: 07. Jun. 2019, 09:08:14 »
Wenn man sagen kann: Hartz IV-BezieherInnen werden
durchaus auch gemobbt /diskriminiert (z.B. bei der Wohnungssuche)
und der Erhalt der Würde des Menschen ist, sowohl im Sozialen, als auch im Leben
unter der Armutsgrenze, nicht unbedingt sichergestellt: dann muss jemand
dafür sorgen, dass die Gesellschaft da solidarischer handelt und Gesetze
(z.B. das Grundgesetz) geachtet werden.

Warum schreitet die Politik da nicht ein? (Anscheinend sind die sich für die sozial
Schwache einsetzenden PolitikerInnen nicht gewählt worden: komisch eigentlich).
 


 
« Letzte Änderung: 07. Jun. 2019, 12:12:47 von Redakteur »