Autor Thema: Gedichte von Hermann Löns  (Gelesen 742 mal)

Globus87

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Gedichte von Hermann Löns
« am: 23. Mär. 2018, 11:57:11 »
Auf der Gartenbank
Ei was mag denn das sein,
Blink und blank, blink und blank,
Sieht ja aus wie Sonnenschein,
Auf der Gartenbank;
Ist ja nicht der Sonnenschein,
Blink und blank, blink und blank,
Wird noch viel was Schön’res sein
Auf der Gartenbank.
Was ist das für’n heller Schall,
Kling und klang, kling und klang,
Ist das wohl die Nachtigall,
Die da eben sang?
Nachtigall, die kann’s nicht sein,
Kling und klang, kling und klang,
Singt ja nicht so klar und rein
Bei der Gartenbank.
Will doch schnell mal näher gehen,
Blink und blank, kling und klang,
Und mir das da mal besehn
Auf der Gartenbank;
Kling und klang, blink und blank,
Sitzt die Herzgeliebte mein
Auf der Gartenbank.

Das Gericht
Das Fallbeil fiel; auf dem Schaffot
Bekam er seinen Lohn;
Den roten Ring um seinen Hals
Stand er vor Gottes Thron.
Die weißen Engel schlugen all′
Die Hände vor′s Gesicht,
Und eine tiefe Stimme sprach:
"Es sei ihm das Gericht!"
Es sprach der Geist mit hartem Blick:
"So fahr′ zur Hölle hin;
Du hast vergossen Bruderblut,
Die Nacht sei dein Gewinn!"
Die schwarzen Engel, augenlos,
Mit Mienen tot und stumm,
Die stellten um den Schächer sich
Ganz eng und dicht herum.
Es sprach der Sohn mit weichem Blick:
"Laßt ihn zum Lichte ein;
Er hat mit Tod die Tat gebüßt
Und soll willkommen sein!"
Die weißen Engel nahmen all′
Die Hände vom Gesicht;
Die tiefe Stimme aber sprach:
"Fahrt fort in dem Gericht!"
Es sprach der Geist, es sprach der Sohn,
Die Wage fiel und stieg;
Sie stieg und fiel, bis daß der Sohn
Beklommen stand und schwieg,
Die Stimme schwoll, die Stimme quoll,
Sie fiel wie Blei hinab:
"Ihr schwarzen Engel, tretet her,
Führt ihn zum ewigen Grab!"
Der Mörder sah die Stimme an
Und sprach: "Das nennst du Recht?
Was schufest du zum Herren mich,
Und machtest mich zum Knecht?"
Er riß das flammendheiße Schwert
Dem Cherub aus der Hand
Und schlug der schwarzen Engel Schar
Bis an der Höllen Rand,
Und schrie der stummen Stimme zu:
"Du trägst allein die Schuld;
Du gabst mir zu viel Leidenschaft
Und nicht genug Geduld;
Gabst mir den Nacken steif und stolz
Und kochendheißes Blut;
Dich trifft, was ich verbrochen hab′
In glühendroter Wut!
"Kommt her, ihr Engel ohne Blick,
Ihr Engel, schwarz wie Nacht;
Hier steht ein Mann mit einer Wehr,
Der eurer aller lacht!
Komm Satan her; mit Flammenschrift
Bemal′ ich dein Gesicht;
Sind auch Milliarden hinter dir,
Ich folg′ dir dennoch nicht!"
Die tiefe Stimme stieg empor,
Sie wurde leicht und hell,
Und wurde rosig, wurde warm.
Und sprach: "Komm her, Gesell!"
Da fiel der Mörder auf die Knie
Und sprach: "O Herr, hab′ Dank!"
Und aus der weißen Engel Schar
Erscholl ein Lobgesang.

Das Wichtigste
Ein Mordshallo hat′s einst gegeben,
Als Cäsar nahm den Rubikon,
Bei uns gibt′s andre Überschritte,
Jedoch wir sagen keinen Ton.
Ob Rathaus oder etwas andres,
Nie kommt man aus mit dem Etat,
Zuweilen scheint′s, als würd′ es langen,
Doch hinterher ist alles da.
Die neue Rennbahn hat′s bewiesen;
Kein Nachtrag? Kinder, welch Malheur!
Doch nein, es stimmt, denn als man nachsah,
Da waren′s hunderttausend mehr.
Dem Stadthall′nbau sehn drum entgegen
Wir mit Vertrauensvölligkeit;
Ist erst der Bauetat bewilligt,
Der Nachtrag find′t sich mit der Zeit.

Claire
Wie ein Hauch hast du mein Leben gestreift,
Wie ein leiser, lauer Wind,
Eine Liebe, die man kaum begreift,
Die wie ein Traum uns umspinnt.
Wie Samt deine Wange, wie Seide dein Haar,
Die Augen vergißmeinnichtmild,
Wie Quellflut im Glase dein Denken so klar,
Ein allzu engelhaft Bild.
Ein Rosenschein überfloß dein Gesicht,
Mein Herz schlug ahnungsfroh,
Doch kam es zur Liebesbesinnung nicht,
Ach, damals empfand ich so roh.
Ich träumte hinter dem Hauche her!
Was war das, was ist mir geschehn,
Ich sah dich nicht, weißblonde Claire,
Mein rauhes Leben durchwehn ...
Eine Liebe war’s, die man kaum begreift,
Die wie ein Traum uns entrinnt, -
Wie ein Hauch hast du mein Leben gestreift,
Wie ein leiser, lauer Wind.

Alle Birken grünen
Alle Birken grünen in Moor und Heid,
Jeder Brahmbusch leuchtet wie Gold,
Alle Heidlerchen dudeln vor Fröhlichkeit,
Jeder Birkhahn kullert und tollt.
Meine Augen, die gehen wohl hin und her
Auf dem schwarzen, weißflockigen Moor,
Auf dem braunen, grünschäumenden Heidemeer
Und schweben zum Himmel empor.
Zum Blauhimmel hin, wo ein Wölkchen zieht
Wie ein Wollgrasflöckchen so leicht,
Und mein Herz, es singt sein leises Lied,
Das auf zum Himmel steigt.
Ein leises Lied, ein stilles Lied
Ein Lied, so fein und lind,
Wie ein Wölkchen, das über die Bläue zieht,
Wie ein Wollgrasflöckchen im Wind.

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